Manchmal kommt die Liebe so überwältigend in unser Leben, dass wir vergessen zu atmen.
Die liebevollen Worte, die Versprechen, der Glanz in den Augen – alles fühlt sich an wie der Anfang eines Märchens.
Aber was passiert, wenn das „Für immer“ anfängt, weh zu tun?
Lange Zeit glaubte ich, dass Lieben bedeutet, auszuhalten, zu verstehen, zu warten.
Ich dachte, Geduld und Fürsorge könnten einen Menschen, der nicht lieben kann, in jemanden verwandeln, der es doch kann.
Doch ich habe auf die härteste Weise gelernt: Wahre Liebe muss man nicht mit Schmerz beweisen – sie ist einfach da.
Das hier ist meine Geschichte.
Eine Geschichte darüber, wie ich erkannt habe, dass Liebe sich nicht in Versprechen zeigt,
nicht in Heiratsanträgen – sondern in Handlungen.
Der Antrag – und alles, was danach kam
Der erste Antrag – oder war es keiner?
Der erste Hochzeitsantrag kam im Sommer 2021.
Eigentlich klang er gar nicht wie ein Antrag – eher wie eine beiläufige Überlegung.
Wir hatten miteinander geschlafen, und am Ende fragte er plötzlich:
„Könntest du dir vorstellen, mich zu heiraten?“
In dem Moment konnte ich es kaum glauben. Gleichzeitig freute ich mich so sehr – schließlich mochte ich ihn, und der Wunsch nach einer eigenen Familie war schon immer tief in mir.
Ich hatte ihm das schon am Tag unseres Kennenlernens gesagt – am 20. Juni 2020.
Von Anfang an hörte ich von ihm immer wieder:
„Du bist meine Traumfrau.“
Der zweite Antrag – zwischen Autobahn und Zweifel
Der zweite Antrag kam im Spätsommer, nachdem wir seinen älteren Sohn aus der früheren Beziehung besucht hatten.
Wir saßen im Auto auf dem Rückweg nach Hause, kurz vor der Ausfahrt, als er wieder fragte:
„Kannst du dir wirklich vorstellen, mich zu heiraten?“
Ich fand das ehrlich gesagt seltsam – kein schöner Moment, keine Stimmung, kein Ring. Nur das Auto, der Verkehr, und eine Frage, die eigentlich besonders hätte sein sollen.
Dann dachte ich: Vielleicht ist das einfach die deutsche Art, einen Antrag zu machen.
Ich fragte ihn:
„Warum fragst du mich ein zweites Mal? Und warum willst du mich überhaupt heiraten?“
Seine Antwort:
„Du bist hübsch, schlau und belastbar. Meine Traumfrau.“
Damals verstand ich nicht, was er mit belastbar meinte. Ich nahm es als Kompliment.
Zu dieser Zeit war ich bereits zu ihm gezogen und hatte sogar meine Ausbildungsstätte gewechselt.
Das Familienchaos – ein Besuch, der alles zeigte
Kurz darauf kamen seine Eltern aus Düsseldorf nach Altenburg, um mich kennenzulernen.
Katastrophe.
Sie stritten ununterbrochen, sein kleiner Bruder war ständig kurz vorm Explodieren.
Angeblich hatten sie eine Ferienwohnung gebucht – doch als sie dort ankamen, gab es keine Reservierung.
Die Besitzerin des Hauses rief sogar die Polizei.
Am Ende schlief sein Bruder bei uns, und für die Eltern buchte er noch schnell ein Hotel.
Ein gelungener Anfang, oder?
Die Stimmung war im Eimer. Nur Vorwürfe, Schuldzuweisungen, Ignoranz.
Die Mutter trank am Abend still eine Flasche Wein, während ich Moqueca kochte – ein brasilianisches Fischgericht aus meiner Heimat im Nordosten Brasiliens.
Damals dachte ich noch: Was für ein armer Kerl – verlassen von der Ex, mit so einer Familie.
Ich wollte ihm helfen, wieder glücklich zu werden.
Ich wusste nicht, dass ich mich damit langsam selbst verlor.
Verliebtsein ist wie eine Droge.
Du siehst die Warnzeichen nicht.
Alle anderen sehen sie – aber du glaubst, in einem Märchen zu leben.
Zwischen Geschenken und Verlust
Er überraschte mich oft mit Geschenken: Schuhe, Ketten, Essen.
Ich fühlte mich geschätzt – aber merkte nicht, wie ich mich immer mehr von meinen Freunden entfernte.
Mein Leben bestand bald nur noch aus Ausbildung – und ihm.
Seine Wohnung war groß, schön, beeindruckend – 140 Quadratmeter.
Ich kam aus einer kleinen Wohnung, mit Möbeln, die meist geschenkt waren.
Früher tanzte ich Samba mit meiner besten Freundin – 30 Minuten Auftritt, 150 Euro, Musik, Sommer, Freiheit.
Ich habe so viele schöne Erinnerungen an diese Zeit.
Ich vermisse das sehr – meine Freiheit, meine Autonomie, mein eigenes Leben.
Der dritte Antrag – vor seiner Familie
Der dritte Antrag kam am 28. Oktober 2021 in Düsseldorf, seiner Heimat.
Wir waren mit seiner Familie essen – beim Japaner.
Die Stimmung war angespannt, seine Eltern redeten kaum miteinander, sein Bruder war unruhig.
Ich war eigentlich glücklich: neue Stadt, gutes Essen, mein Verlobter.
Doch plötzlich – mitten in dieser grauen Stimmung – kam der dritte Antrag.
Vor allen.
Ich dachte: Wie peinlich.
Aber noch peinlicher war die Reaktion: totale Stille. Niemand sagte etwas, niemand lächelte.
Das hätte der Moment sein sollen, an dem ich aufwache.
Aber ich wollte glauben.
Er sagte nur:
„Meine Eltern können sich an nichts freuen. Schöne Momente sind für sie Horror.“
Ich dachte: Nicht mein Problem. Ich freue mich auf mein neues Leben.
Kein Ring, kein Glanz
Am nächsten Tag, dem 29. Oktober, trafen wir einen Studienfreund von ihm und seine Frau.
Ein tolles, herzliches Paar.
Beim Essen fragte der Freund:
„Und, gibt’s was Neues?“
Er grinste:
„Ja – wir sind verlobt!“
„Glückwunsch!“, sagte die Frau und lächelte mich an. Dann schaute sie auf meine rechte Hand:
„Zeig mal deinen Ring!“
Ich erstarrte.
„Ich habe keinen bekommen“, sagte ich leise.
Man sah, wie unangenehm es ihr war.
Danach war es still.
Ich hörte kaum noch zu.
In meinem Kopf nur Gedanken: Der Abend davor. Die Stille. Der fehlende Ring. Meine gekündigte Wohnung.
Ich hatte keinen Rückzugsort mehr.
Also ging ich mit ihm zurück nach Altenburg – und lebte weiter als „Verlobte Hausfrau“.
Der Ehevertrag – und eine leise Stimme in mir
Im November kam das Thema Hochzeit wieder auf – diesmal mit einem „Bonus“: einem Ehevertrag.
Er fragte wieder:
„Willst du mich wirklich heiraten?“
Und fügte hinzu:
„Ich möchte einen Ehevertrag, damit wir uns im Falle einer Scheidung nicht streiten. Mein Freund Jan hat fünf Jahre lang mit seiner Frau vor Gericht gekämpft. Aber keine Sorge – ich mache dir einen Vertrag, der dir nichts Schlechtes bringt.“
Meine Intuition schrie laut.
Aber ich hörte nicht auf sie.
Ich dachte nur an meine Abschlussprüfung im Januar 2022.
Ich wollte sie schaffen, wollte unabhängig sein.
Denn mit einem Beruf, mit einem Abschluss – kann man immer wieder neu anfangen.
Zwischen Traum und Realität
Ich wollte heiraten, eine Familie, ein zweites Kind.
Ich wollte Liebe, Geborgenheit, Lachen, Familienbilder, Hund, Katze, Kinder, die stark aufwachsen.
Aber das bekam ich nicht.
Er bot mir sogar an, meine Ausbildung abzubrechen.
„Dir wird es nicht schlecht gehen“, sagte er.
Zum Glück lehnte ich ab.
Ich wusste: Ohne Beruf wäre ich völlig abhängig.
Während der Ausbildung machte ich zu Hause alles – kochen, waschen, bügeln, putzen.
Ich hatte kaum Zeit zum Lernen.
Und immer, wenn ich lernen wollte, kam ein neuer Befehl.
Ich gehorchte – aus Angst, dass er mich und meine Tochter rausschmeißt.
Ich tat so, als wäre ich glücklich. Selbst vor meiner Tochter.
Kein Ring der Liebe
Irgendwann fragte ich ihn, warum ich keinen Verlobungsring bekommen hatte.
Seine Antwort:
„Es ist schlecht, andere zu beneiden oder sich zu wünschen, was sie haben.“
Das traf mich tief.
Ich hatte niemanden beneidet – ich wollte nur verstehen, warum ich es nicht wert war, so ein Symbol der Liebe zu bekommen.
Nach langem Bitten versprach er schließlich, mir doch noch einen Ring zu schenken.
Aber innerlich wusste ich da schon:
Kein Ring der Welt kann Liebe ersetzen, die sich nicht echt anfühlt.
Heute weiß ich: Ein Antrag bedeutet nichts, wenn er nicht aus Liebe kommt.
Liebe ist kein Versprechen – sie ist ein Verhalten.
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